… ist nun fast rum und ich habe mich tatsächlich schon ein wenig eingelebt. Das Wetter war die letzten Tage ungewöhnlich kalt – d.h. für mich angenehm – und nassss. Doch wenn einem mal ein warmer Regen Kopf und Rücken besprengt, habe ich eigentlich nichts dagegen einzuwenden.
In die Arbeit finde ich mich auch immer weiter hinein. Die Projekte, für die ich zuständig bin, kenne ich mittlerweile in den Grundzügen und auch die dazugehörigen Probleme und Problemchen. Vieles, was in Deutschland als Problem gehandelt wird, darfst du hier maximal als Problemchen betrachten, sonst würde man schnell einen Nervenzusammenbruchz erleiden: angefangen von Visaschwierigkeiten, die, erfolgreich ausgehandelt, noch lange keine Bewegungsfreiheit innerhalb des Landes bedeuten – jeder größere Fußtritt will hier bei Vater Militärstaat beantragt werden… Weiter geht es mit dem Internetzugang (meine Meinung bezüglich Hackern hat sich seitdem ein wenig gewandelt) und manchen Kommunikationsschwierigkeiten, da ich des Burmesischen (noch) nicht mächtig bin und viele Burmesen des Englischen nur in Ansätzen. Auch auf Projektebene wird hier anders ge- und verhandelt: Zeitpläne werden oft zu Wunschträumen, da manche der neureichen regionalen Kriegsfürsten ihre bettelarme Bevölkerung mit anderen Aufgaben beschäftigt halten, als an einem Hilfsprojekt zu partizipieren. Erdrutsche und andere Zwischenfälle größerer und kleinerer Art bergen immer wieder unvorhergesehene Wendungen und vom Thema Finanzen sollte man lieber gar nicht anfangen zu reden. Das fängt mit einer Inflationsrate für über 30% im vergangenen Jahr an, geht weiter über eine Zwischenwährung, eingerichtet zum – natürlich unausgesprochenen – Zweck einer “günstigeren” Beeinflussung des Wechselkurses, der seit dem Zyklon Nargis sehr viel stärker nachgefragt wurde und seitdem auch um mehr als 20% gefallen ist… Also reist der risikobereite Helfer in Abständen nach Thailand aus und kehrt kurze Zeit später mit manchmal mehr als zigtausend Dollars umgürtet wieder nach Burma zurück! Enden tuen Finanzgeschichten dieser Art nicht so bald; irgendwo finden sich leider auch in und um Projekte Löcher und Ritzen oder haben sich schicke Wagen im dichten Nebel manchen Kassenstraßen verirrt… Bewiesen ist natürlich nichts und kann auch so leicht nicht werden, da jeder jeden schon lange kennt. Ach ja – die Projekte hätte ich jetzt fast vergessen:
Meine Aufgabe besteht für die kommenden sechs Monate in der Überwachung (Monitoring bzw. Supervision) der Projekte, die von der Hilfsorganisation ADRA (www.adra.de) in Myanmar zur Zeit durchgeführt werden. Das ist ein Katastrophenhilfsprojekt zum Bau von Brücken und Bootsanlegestellen im Ayeyardwaddy-Flußdelta im Süden des Landes (begonnen nach dem Tsunami und nach dem Zyklon Nargis erweitert). Ein zweites Projekt findet im Nordosten statt mit dem Ziel, die Wasserversorgung und Hygiene (Sanitäranlagenbau) zu verbesserrn, verbunden mit Ausbildung der Bevölkerung in Gesundheitsfragen. Darüber hinaus bin ich für die Entwicklung und Planung neuer Projekte zuständig: Im kommenden Jahr soll z.B. ein von der EU finanziertes und von ADRA durchgeführtes Projekt zur Sicherung der Nahrungsmittelversorgung im Nördlichen Shan Bundesland beginnen – nach dem Verbot des Opiumanbaus durch die Regierung sind viele Bauern verarmt und auf Hilfe angewiesen…
Leider ist dieser Job mit einer großen Bewegungsarmut verbunden, weshalb ich mich entschlossen habe, ein Fahrrad zu kaufen – bisher bin ich entweder zu Fuß oder mit dem hier recht günstigen Taxi unterwegs. Doch darüber mehr beim nächsten Mal. Auf jeden Fall dürft ihr euch auf eine Überraschung gefasst machen. Wie sollte es auch anders sein bei für mich schön(st)en & wichtig(st)en Dingen;). Das Unterwegssein in der Stadt selbst bei Nacht ist hier bemerkenswerterweise kaum mit Sicherheitsrisiken verbunden – eine angenehme Seite von Diktaturen.
Kurz zu erwähnen wäre vielleicht noch die Noblesse meines Hotels, die ich auch nach hoffentlich nicht allzu langer Zeit verlassen darf (auch nur in politischer Grauzone) – wozu braucht der ruhebedürftige Mensch Teakholzmöbel auf Teakholzböden, eine grippedrohende Klimaanlage, einen nervenden Fernseher und viele liebe aber manchmal doch nicht unbedingt nötige Hände um sich herum? Eigentlich wollte ich mich nicht wie ein Kolonialist fühlen – sorry, ein Gast natürlich – und so suche ich gerade ein kleineres, einfacheres und somit auch billigeres illegales Kämmerchen…
Fotos kann ich leider nicht auf meiner meiner Seite bei Flickr hochladen (ist von der Stasi hier blockiert); dafür versuch ich es die nächsten Tage mal auf einer anderen…
